Konzertreisen

Zu Gast bei den Ärmsten

Die Blasharmoniker am Fuße des Zuckerhuts

Mit unserer Konzertreise nach Brasilien sammelten wir Geld für südamerikanische Waisenkinder.

 

Als am Flughafen in Rio de Janeiro drei Kleinbusse vorfuhren, einer davon ein in die Jahre gekommener VW-Bully, konnten wir uns nicht vorstellen, wie 50 Musiker samt Gepäck und Instrumenten damit transportiert werden sollten. Doch blieb das bei Weitem nicht das Einzige, was für uns vor dieser Konzertreise unvorstellbar gewesen war. Einen Tag zuvor, am 22. August 2013, landeten wir nach fast 20-stündiger Anreise in Sao Paulo (Gersthofen-Frankfurt-Sao Paulo).

Die Fahrt zur Gemeinde St. Bonifatius nutzte deren deutscher Pfarrer, um uns unterhaltsam auf Brasilien vorzubereiten. Und bereits am ersten Tag lernten wir, dass auch das Mixen von Caipirinhas zum Handwerkszeug eines jeden Brasilianers oder auch deutschen Geistlichen in Sao Paulo gehört. Wir bedankten uns mit unserem ersten Konzert in Südamerika und freuten uns über das anschließende brasilianische Barbecue.

 

Doch bereits am nächsten Tag ging es weiter mit dem Flugzeug nach Rio de Janeiro. In den drei Kleinbussen zusammengezwängt – mit Instrumenten neben, unter oder auf uns – erreichten wir unser Quartier in Niteroi, einer Nachbarstadt Rios. Wir waren untergebracht in der Sportanlage „ANDEF“, deren Hallenbad wir vor allem nachts ausgiebig nutzten, wenn auch nicht immer mit Rücksicht auf bereits schlafende Musikerkollegen. „ANDEF“ ist ein soziales Sportprojekt, das die Stadt Niteroi für Menschen mit Behinderungen betreibt. Dass so viel soziales Engagement von kommunaler und staatlicher Seite in Brasilien nicht selbstverständlich ist, erfuhren wir am Tag darauf im Waisenhaus „Lar de Criança“, das der deutsche Pfarrer Franz Neumair 1990 in Niteroi gegründet hatte.

 

7000 Euro Spende

 

2012 hatten wir für dieses Projekt mit unserem Jahreskonzert bereits erste Spenden sammeln können. Franz Neumair stellte dabei die Arbeit des Waisenhauses dem Publikum vor. Die Faszination für dieses ehrenamtliche Engagement eines Einzelnen war es auch, die uns dann nach Brasilien führte, wo wir selbst helfen wollten. Mit insgesamt über 7000 Euro, bestehend aus Spenden der Kolpingsfamilie Gersthofen, des Klinikums Augsburg und aus den Einnahmen unserer Konzerte in Deutschland und Brasilien, konnten wir so einen Beitrag für die dringend benötigte Arbeit leisten. Die Verhältnisse, aus denen die Kinder stammen, die in diesem Heim versorgt werden, waren für uns im Vorfeld kaum vorstellbar. Wenn Mütter aufgrund absoluter Armut um das Leben ihrer Babys fürchten und sich gezwungen sehen, diese abzugeben, wenn Eltern auf offener Straße der brutalen Kriminalität in Brasilien zum Opfer fallen und wenn sich der Staat nicht in der Lage sieht, den betroffenen Menschen zu helfen, dann kann man die Bedeutung einer solchen Einrichtung, wie wir sie in Niteroi kennenlernen durften, nicht hoch genug einschätzen. Schwester Tereza, die das Waisenhaus leitet, erzählte uns von den Schicksalen einzelner Kinder und einige von uns durften die Kleinsten auf den Arm nehmen. Mit Konzerten wie im Teatro Municipal in Niteroi, einem Kirchenkonzert in Icarai oder auch mit der Gestaltung eines Nachmittages im Deutschen Club in Rio, inklusive extra einstudierter bayerischer Folklore-Darbietungen, konnten wir weitere Spenden sammeln. Ein besonderer Höhepunkt war ein Tag der musikalischen Begegnungen im „Lar de Criança“. Wir präsentierten unsere Musik und bayerische Tänze und durften dafür die von den Kindern des Waisenhauses und von Jugendlichen in anderen sozialen Projekten extra einstudierten Samba-Tänze, Flötenstücke oder Aufführungen von Capoeira, einem brasilianischen Kampftanz, genießen.

 

Auf dem Weg zum Kindergarten Sao Bento, den der deutsche Diakon Wolfgang Müller nur mit Hilfe von Spendengeldern in der Nähe der Stadt Maricá betreibt, statteten wir einer staatlichen Schule einen Kurzbesuch ab. Bei diesem Konzert auf dem Pausenhof wurden wir völlig von der Begeisterung und dem frenetischen Jubel der Jugendlichen überrascht. So mancher Musiker war anschließend ein beliebtes Foto- oder Selfie-Motiv. Im Kindergarten von Wolfgang Müller erfuhren wir dann von Eltern, die auf die kostenfreie Unterbringung ihrer Kinder angewiesen sind, um das Nötigste zum Überleben verdienen zu können. Wir unterstützten auch dieses Projekt für die Kinder der Ärmsten vor Ort mit dem Erlös eines Konzertes.

 

Allerdings konnten auch wir etwas mit nach Hause nehmen: Durch die Kooperation, die gemeinsame Probenarbeit und ein Gemeinschaftskonzert mit einem Jugendorchester des Musikprojektes „Aprendiz“ der Stadt Niteroi lernten wir nicht nur junge, motivierte brasilianische Musiker kennen, sondern versuchten uns auch am für uns doch sehr fremden Samba-Rhythmus. Der Kontakt zu Musikern des Orchesters besteht bis heute, nicht zuletzt weil uns drei davon im Frühjahr 2014 in Deutschland besuchten und als Gaststudenten in Augsburg am Leopold-Mozart-Zentrum studierten. 

 

Auf die Ausflüge auf den Zuckerhut und zur Jesus-Statue auf dem Corcovado hatten sich natürlich alle gefreut. Schwer vorzustellen, dass wir gerade die Statue aufgrund dichten Nebels nicht sehen konnten, obwohl wir direkt davor standen. Doch dies, die kleinen Busse oder gar der Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft, ein Jahr später in diesem Land, waren dabei eigentlich gar nicht so unvorstellbar. Unvorstellbar waren vor allem die Schicksale von Menschen, denen wir begegneten. Menschen, denen wir mit dem Erlös unserer Musik vielleicht ein wenig helfen konnten. 

 

 

 

Hier finden Sie Bilder unserer Konzertreise nach Brasilien.

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